All das
Ich glaube, jeder Mensch
erlebt irgendwann einen Moment,
in dem er draußen in einer Jogginghose steht,
die aufgehört hat,
eine Hose sein zu wollen,
oder einen Müllsack, eine Scheidung, einen Strafzettel
oder irgendeine andere Quittung vom Universum in der Hand hält,
auf der steht: „Überraschung, auch das gehört dazu.“
Und dann färbt sich der Himmel violett.
Und die Luft streift dein Gesicht
als kenne sie deine ganze Geschichte.
Und plötzlich wird dir klar:
Alle Realität ist eigentlich unwirklich.
Der Schmutz.
Der Atem.
Die seltsamen kleinen Knochen in deinen Händen.
Die Tatsache, dass wir hier sind,
auf einem schwebenden Felsen mit Pollenflug,
Rechnungen bezahlen,
tote Menschen vermissen,
lebende Menschen lieben,
die „Ich geh jetzt“ sagen,
während sie noch völlig nackt sind und nach Socken suchen.
Und trotzdem
tut der Mond seinen Dienst.
Kein Applaus.
Keine Vergütung.Keine Notiz von der Geschäftsleitung, in der steht:
„Tolle Leistung, wieder uralt und strahlend zu sein.“
Nur der Mond,
der nachts arbeitet
wie eine alleinerziehende Mutter, ohne Applaus,
der silberne Mittagessen einpackt
für jedes dunkle Ding,
das noch aufstehen muss.
Sag mir, dass das nicht heilig ist.
Sag mir, es gibt ein besseres Wort
als „heilig“
für die Art, wie das Licht immer wieder zurückkehrt
ohne Garantie,
dass wir tatsächlich innehalten und es wahrnehmen.
Ich kenne Leute, die an Therapie glauben,
an Probiotika,
an Tarot,
an Zwölf-Schritte-Treffen,
an Manifestations-Tagebücher
und daran, genau elf Minuten zu warten,
bevor sie auf eine SMS antworten,
damit sie nicht emotional rüberkommen,
obwohl ihr ganzes Nervensystem
in der Einfahrt steht und Blumen in der Hand hält.
Und unter all dem,
jedem Ritual,
jeder Lehre,
jedem Smoothie mit Chiasamen,
ist das Gebet dasselbe:
Bitte lass mich geliebt werden.
Bitte lass mir vergeben sein.
Bitte lass dieses seltsame kleine Leben
etwas bedeuten,
bevor mein unterer Rücken
seine formelle Kündigung einreicht.
Was ist hier los?
Mal ganz im Ernst – Was ist das für ein Ort?
Diese unerträgliche Zärtlichkeit,
lange genug am Leben zu sein,
um zu sehen, wie im Winter Dampf aus dem Kaffee aufsteigt
so wie eine Seele, die das Weggehen übt.
Zu sehen, wie dein Freund so heftig lacht,
dass er auf den Tisch schlägt,
als wäre Freude eine Mücke,
die er zu töten versucht.
Ein Kind „Pisghetti“ sagen zu hören
und für eine strahlende Sekunde
zu begreifen, dass die Sprache
endlich verbessert wurde.
Ich weiß, das habe ich schon im ersten Text erwähnt,
aber je älter ich werde,
desto weniger kann ich mit Gewissheit anfangen.
Gewissheit hat mich noch nie dazu gebracht, anzuhalten,
weil der Sonnenuntergang so aussah, als hätte Gott
ein Glas Pfirsichmarmelade
über den ganzen Himmel des Mittleren Westens verschüttet
und beschlossen, faul zu sein
und nicht aufzuräumen.
Gewissheit hat mich noch nie dazu gebracht, nach Luft zu schnappen,
wenn Regen auf heißen Asphalt fällt.
Gewissheit hat mich noch nie
im Müsli-Gang erwischt,
wo ich Captain Crunch in der Hand hielt
und mir plötzlich einfiel,
dass jeder, den ich je geliebt habe,
aus Sternenstaub, Hunger
und einer Reihe von Entscheidungen bestand,
über die wir wahrscheinlich erst einmal hätten schlafen sollen.
Nein.
Es war immer Ehrfurcht.
Ehrfurcht war die erste Kirche.
Vor Kirchtürmen.
Vor den Ausschüssen.
Bevor sich Männer einmischten
und anfingen, Regeln über Röcke aufzustellen.
Ehrfurcht war da
mit ihren wilden Haaren
und schlammigen Füßen,
und sagte:
Schau.
Schau noch einmal.
Schau, bis das Schauen
zur Liebe wird.
Ehrfurcht und Suppe.
Ehrfurcht und jemand, der dir den Rücken reibt,
wenn du krank bist.
Ehrfurcht und alte Paare bei Edeka
die sich sanft über Avocados streiten,
als ob die Ehe nicht ein einziges Gelübde wäre,
sondern zehntausend Besorgungen
die man an der Seite der Person erledigt,
die genau weiß, wie du magst, dass der Einkaufswagen geschoben wird.
Vielleicht sollte Dankbarkeit
nie elegant klingen.
Vielleicht klingt Dankbarkeit so:
„Verdammt.
Dieser Specht versucht gerade,
den Baum aus sich selbst herauszuschlagen.“
Vielleicht klingt Dankbarkeit so:
„Danke, Körper,
dass du mich weiterhin durch diese Welt schleppst,
trotz der vielen Slim Jims,
die ich dir
an Tankstellen angetan habe.“
Vielleicht klingt Dankbarkeit so:
„Danke an die Hunde,
die völlig ausflippen,
wenn wir nach Hause kommen,
als wären wir aus dem Krieg zurückgekehrt
und nicht vom Baumarkt.“
Für mich könnte das mein Evangelium sein.
Diese Freude, die nicht darauf wartet,
dass wir beeindruckend sind, sondern nur darauf,
dass wir durch die Tür kommen.
Denn wahr ist:
Dieses Leben ist niederschmetternd.
Und lächerlich.
In einem Moment bist du 22 und unbesiegbar,
fährst zu schnell,
isst Nachos von der Tankstelle
mit der Selbstsicherheit eines griechischen Gottes.
Im nächsten Moment googelst du:
„Kann Niesen eine Oberschenkelverletzung verursachen?“
Und die Antwort lautet, anscheinend:
„Willkommen in der zweiten Hälfte deines Lebens.“
Aber selbst jetzt –
selbst wenn wir müde sind,
selbst wenn wir trauern,
selbst wenn wir emotional nur noch
durch Eiskaffee, Playlists
und einen ganz bestimmten Wolfs-Hoodie zusammenhalten –
finden wir immer wieder Gründe,
weich zu bleiben.
Wir pflanzen Tomaten
auch wenn die Trauer echt ist.
Wir backen Brot
auch wenn die Nachrichten brennen.
Wir schicken Fotos vom Himmel
an Menschen, die wir lieben
mit Bildunterschriften wie:
„SCHAUT MAL“,
als ob Schönheit ein Notfall,
und wir alle bei der freiwilligen Feuerwehr wären.
Wir sagen immer wieder:
„Das musst du dir ansehen“,
denn Staunen
ist die älteste Form
der Auferstehung.
Also: Auf die Gläubigen
und die Atheisten
und die Agnostiker
und die Menschen, deren gesamte Theologie
darin besteht, einfach nicht zu weinen,
während sie in der Warteschlange beim Straßenverkehrsamt stehen.
Auf die Menschen, die sich an den Glauben klammern.
Auf die Menschen, die sich an Beruhigungsmittel klammern
und Hafermilch
und den einen Gruppenchat,
in dem niemand so tut, als ginge es ihm gut.
Auf die weichherzigen Sonderlinge.
Die zufälligen Mystiker.
Diejenigen, die sechs Stunden am Stück
über die Sterblichkeit nachdenken können
und dann emotional
einem perfekten Pfirsich verfallen.
Diejenigen, die wissen,
dass Verzweiflung einen Mund hat,
aber Lachen auch.
Mögen wir niemals aufhören, mitten an einem Sonntagnachmittag
von der Schönheit umgehauen zu werden.
Mögen wir niemals so glattpoliert werden,
dass wir vergessen, wie man
in der Starbucks-Schlange des Lebens steht
mit unseren dummen, wunderschönen Herzen weit offen,
und spürt, wie die Unermesslichkeit des Ganzen
in unseren Knochen rüttelt
wie Donner,
auf der Suche nach einem Ort zum Lachen.
Und mögen wir uns daran erinnern:
Was auch immer das hier sonst noch ist,
welches Chaos auch immer,
welches Wunder auch immer,
welches kosmische Gemeinschaftsprojekt
auch immer, auf das niemand vorbereitet war –
all das ist erstaunlich.
Dass wir hier sind.
Dass wir genug geliebt haben, um ruiniert zu sein.
Dass der Mond immer wieder auftaucht.
Dass es Brot gibt.
Also gib es weiter.
Reiß ein Stück ab
mit deinen bloßen Händen.
Nimm es in dich auf, während du es isst.
Und dann geh nach draußen und schau dir diesen Mond an.
frei übersetztes Gedicht von Matt Moberg
www.mattmoberg.net
englisches Original …
All’ve It
I think every human being
eventually has a moment
where they are standing outside in sweatpants
that have lost the will to be pants,
holding a trash bag, a divorce, a parking ticket,
or some other receipt from the universe
that says, “surprise, this too is part of it.”
And then the sky bruises purple.
And the air touches your face
like it knows your whole story.
And suddenly you realize:
all the real is actually unreal.
The dirt.
The breath.
The weird little bones in your hands.
The fact that we are here,
on a floating rock with pollen counts,
paying bills,
missing dead people,
loving living people
who say “leaving now”
while still fully naked and looking for socks.
And still,
the moon clocks in.
No applause.
No benefits.
No note from management saying,
“Great work being ancient and luminous again.”
Just the moon,
working nights
like a single mother with no applause,
packing silver lunches
for every dark thing
that still has to rise.
Tell me that isn’t holy.
Tell me there is a better word
than sacred
for the way light keeps returning
with no guarantee
we will actually stop and take note.
I know people who believe in therapy,
probiotics,
tarot,
twelve-step meetings,
manifestation journals,
and waiting exactly eleven minutes
before texting back
so they do not appear emotionally available,
even though their whole nervous system
is standing in the driveway holding flowers.
And underneath all of it,
every ritual,
every doctrine,
every smoothie with chia seeds,
the prayer is the same:
Please let me be loved.
Please let me be forgiven.
Please let this strange little life
mean something
before my lower back
submits its formal resignation.
What is going on?
For real tho—What is this place?
This unbearable tenderness
of being alive long enough
to watch steam lift from coffee in winter
like a soul practicing leaving.
To see your friend laugh so hard
they slap the table
as if joy is a mosquito
they are trying to kill.
To hear a child say “pisghetti”
and, for one shining second,
realize language
has finally been improved.
I know I already noted this in the first piece,
but the older I get,
the less use I have for certainty.
Certainty has never made me pull over
because the sunset looked like God
dropped a jar of peach jam
across the whole midwestern sky
and decided to be lazy
and not clean up.
Certainty has never made me gasp
at rain on hot pavement.
Certainty has never found me
in the cereal aisle,
holding Captain Crunch,
suddenly remembering
that everyone I have ever loved
was made from stardust,
hunger,
and a series of decisions
we probably should have slept on.
No.
It has always been awe.
Awe was the first church.
Before steeples.
Before committees.
Before men got involved
and started making rules about skirts.
Awe was there
with its wild hair
and muddy feet,
saying:
Look.
Look again.
Look until looking
becomes love.
Awe, and soup.
Awe, and someone rubbing your back
when you are sick.
Awe, and old couples at Target
arguing gently about avocados,
as if marriage is not one vow
but ten thousand errands
performed beside the person
who knows exactly
how you like the cart pushed.
Maybe gratitude
was never meant to sound elegant.
Maybe gratitude sounds like:
“Damn.
That woodpecker is trying
to beat that tree from itself.”
Maybe gratitude sounds like:
“Thank you, body,
for continuing to drag me through this world
despite the many slim jims
I have done to you
at gas stations.”
Maybe gratitude sounds like:
“Thank you to the dogs
who lose their entire minds
when we come home
as if we have returned from war
and not Walgreens.”
For me, that might be my gospel.
That joy that does not wait for us
to be impressive but only needs us
to come through the door.
Because the truth is,
this life is devastating.
And ridiculous.
One minute you are 22 and invincible,
driving too fast,
eating gas station nachos
with the confidence of a Greek god.
The next minute you are googling,
“Can sneezing cause a hamstring injury?”
and the answer is,
apparently,
“Welcome to the second half of your life.”
But even now—
even tired,
even grieving,
even emotionally held together
by iced coffee, playlists,
and one very specific wolves hoodie—
we keep finding reasons
to stay soft.
We plant tomatoes
even though grief is real.
We bake bread
even though the news is on fire.
We send photos of the sky
to people we love
with captions like,
“LOOK,”
as if beauty is an emergency
and we are all volunteer firefighters.
We keep saying,
“You have to see this,”
because wonder
is the oldest form
of resurrection.
So here’s to the believers
and the atheists
and the agnostics
and the people whose entire theology
is just trying not to cry
in the DMV line.
Here’s to the people clinging to faith.
Here’s to the people clinging to Xanax
and oat milk
and the one group chat
where nobody pretends to be okay.
Here’s to the tender-hearted weirdos.
The accidental mystics.
The ones who can contemplate mortality
for six straight hours
and then become emotionally attached
to a perfect peach.
The ones who know
despair has a mouth,
but so does laughter.
May we never stop being drop-kicked by beauty
in the middle of a Sunday afternoon.
May we never become so polished
that we forget how to stand
in the Starbucks line of existence
with our dumb, gorgeous hearts open,
feeling the enormity of it all
rattle around in our bones
like thunder
looking for somewhere to laugh.
And may we remember:
whatever else this is,
whatever mess,
whatever miracle,
whatever cosmic group project
no one was prepped for—
all’ve it is astonishing.
that we are here.
that we have loved enough to be ruined.
that the moon keeps showing up.
that bread exists.
So pass it on.
Tear off a piece
with your bare hands.
Take it in as you take it down.
And then go outside and look at that moon.


