... ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden ...

Je bewusster uns der Segen wird, der durch alles fließt was wir berühren, umso mehr wird unsere Berührung Segen bringen.

David Steindl-Rast

   

59 ausgesuchte Verse von Angelus Silesius (1624-1677)

 

1. Ich selbst bin Ewigkeit, wenn ich die Zeit verlasse
Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse. (I.13)
 

2. Ich bin so reich als Gott, es kann kein Stäublein sein,
Das ich (Mensch, glaube mir) mit ihm nicht hab gemein. (I .14)


3. Gott ist ein lauter Nichts, ihn rührt kein Nun noch Hier:
Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir. (I.25)


4. Ich sterb und leb auch nicht: Gott selber stirbt in mir,
Und was ich leben soll, lebt er auch für und für. (I.32)


5. Gott selber, wenn er dir will leben, muss ersterben;
Wie, denkst du, ohne Tod sein Leben zu ererben? (I.33)


6. Zeit ist wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit,
So du nur selber nicht machst einen Unterscheid. (I.47)


7. Die Seel ist ein Kristall, die Gottheit ist ihr Schein;
Der Leib, in dem du lebst, ist ihrer beider Schrein. (I. 60)


8. Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren. (I.61)


9. Gott wohnt in einem Licht, zu dem die Bahn gebricht;
Wer es nicht selber wird, der sieht ihn ewig nicht. (I.72)


10. Wer mir Vollkommenheit, wie Gott hat, ab will sprechen,
Der müsste mich zuvor von seinem Weinstock brechen. (I.79)


11. Bist du aus Gott geborn, so blühet Gott in dir
Und seine Gottheit ist dein Saft und deine Zier. (I.81)


12. Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir;
Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für. (I.82)


13. Gott ist so viel an mir, als mir an ihm gelegen,
Sein Wesen helf ich ihm, wie er das meine hegen. (I.100)


14. Ich bin nicht ausser Gott und Gott nicht ausser mir:
Ich bin sein Glanz und Licht, und er ist meine Zier. (I.106)


15. Ich selbst muss Sonne sein, ich muss mit meinen Strahlen
Das farbenlose Meer der ganzen Gottheit malen. (I.115)


16. Wer Gott um Gaben bitt, der ist gar übel dran:
Er betet das Geschöpf und nicht den Schöpfer an. (I.174)


17. Wer selbst nicht alles ist, der ist noch zu geringe,
Dass er dich sehen soll, mein Gott, und alle Dinge. (I.191)


18. Willst du den neuen Mensch und seinen Namen kennen,
So frage Gott zuvor, wie er pflegt sich zu nennen. (I.206)


19. Nicht Gott gibts Himmelreich: du selbst mussts zu dir ziehn
Und dich mit ganzer Macht und Eifer drum bemühn. (I.211)


20. Wer in dem Nächsten nichts als Gott und Christum sieht,
Der siehet mit dem Licht, das aus der Gottheit blüht. (I.218)


21. Gott ist mir Gott und Mensch, ich bin ihm Mensch und Gott,
Ich lösche seinen Durst und er hilft mir aus Not. (I.224)


22. Gott liebt und lobt sich selbst, so viel er immer kann;
Er kniet und neiget sich, er bet sich selber an. (I.236)


23. Meinst du, o armer Mensch, dass deines Munds Geschrei
Der rechte Lobgesang der stillen Gottheit sei? (I.239)


24. Ich bin Gotts ander Er, in mir findt er allein,
Was ihm in Ewigkeit wird gleich und ähnlich sein. (I.278)


25. Mit Ichheit suchest du bald die bald jene Sachen;
Ach liessest du doch Gott nach seinem Willen machen. (I.279)


26. In Gott wird nichts erkannt: er ist ein einig Ein,
Was man in ihm erkennt, das muss man selber sein. (I.285)


27. Die Ros ist ohn warum; sie blühet, weil sie blüht,
Sie acht nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie sieht. (I.289)


28. Wie töricht tut der Mann, der aus der Pfütze trinkt
Und die Fontaine lässt, die ihm im Haus entspringt. (I.300)


29. Mensch, werde wesentlich; denn wenn die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht. (II.30)


30. Weil ich das wahre Licht, so wie es ist, soll sehn,
So muss ichs selber sein, sonst kann es nicht geschehn. (II.46)


31. Die Menschen plappern viel, wer geistlich weiss zu beten,
Der kann mit A und B getrost vor Gott hintreten. (II.77)


32. Wenn du vergottet bist, so isst und trinkst du Gott,
Und dies ist ewig wahr, in jedem Bissen Brot. (II.120)


33. Die Schrift ist Schrift, sonst nichts. Mein Trost ist Wesenheit
Und dass Gott in mir spricht das Wort der Ewigkeit. (II.137)


34. Ach, zweifele doch nicht; sei nur aus Gott geborn,
So bist du ewiglich zum Leben auserkorn. (II.147)


35. Ein wahrer armer Mensch steht ganz auf nichts gericht,
Gibt Gott ihm gleich sich selbst, ich weiss, er nimmt ihn nicht. (II.148)


36. Ach ja! wär Ich im Du und Du im Ich ein Ein,
So möchte tausendmal der Himmel Himmel sein. (II.179)


37. Die Gottheit ist ein Brunn, aus ihr kommt alles her
Und läuft auch wieder hin. Drum ist sie auch ein Meer. (III.168)


38. Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht stehn,
Man muss aus einem Licht fort in das andre gehn. (III.232)


39. Das überlichte Licht schaut man in diesem Leben
Nicht besser, als wenn man ins Dunkle sich begeben. (IV.23)


40. Hier fliess ich noch in Gott als wie ein Bach der Zeit,
Dort bin ich selbst das Meer der ewgen Seligkeit. (IV.135)


41. Das edelste Gebet ist, wenn der Beter sich
In das, vor dem er kniet, verwandelt inniglich. (IV.140)


42. O Wesen, dem nichts gleich! Gott ist ganz ausser mir
Und inner mir auch ganz, ganz dort und auch ganz hier. (IV.154)


43. Wer hätte das vermeint! aus Finsternis kommts Licht,
Das Leben aus dem Tod, das Etwas aus dem Nicht. (IV.163)


44. Der Regen fällt nicht ihm, die Sonne scheint nicht ihr,
Du auch bist anderen geschaffen und nicht dir. (IV.186)


45. Das liebste Werk, das Gott so inniglich liegt an,
Ist, dass er seinen Sohn in dir gebären kann. (IV.194)


46. Der Punkt der Seligkeit besteht in dem allein,
Dass man muss wesentlich aus Gott geboren sein. (IV.205)


47. Gleich wie die Einheit ist in einer jeden Zahl,
So ist auch Gott, der Ein, in Dingen überall. (V.3)


48. Im Eins ist alles eins: kehrt zwei zurück hinein,
So ist es wesentlich mit ihm ein einges Ein. (V.6)


49. Gott ist von Anbeginn der Bildner aller Dinge
Und auch ihr Muster selbst; drum ist ja keins geringe. (V.51)


50. Mensch, nichts ist unvollkomm’n; der Kies gleicht dem Rubin,
Der Frosch ist ja so schön als Engel Seraphin. (V.61)


51. Wer seine Sinne hat ins Innere gebracht,
Der hört, was man nicht redt, und siehet in der Nacht. (V.129)


52. Gott sind die Werke gleich, der Heilge, wenn er trinkt,
Gefallet ihm so wohl, als wenn er bet und singt. (V.170)


53. Gott tut im Heilgen selbst alls, was der Heilge tut;
Gott geht, steht, liegt, schläft, wacht, isst, trinkt, hat guten Mut. (V.174)


54. Man kann den höchsten Gott mit allen Namen nennen,
Man kann ihm wiederum nicht einen zuerkennen. (V.196)


55. Eh als ich Ich noch war, da war ich Gott in Gott,
Drum kann ichs wieder sein, wenn ich nur mir bin tot. (V.233)


56. Wenn ich in Gott vergeh, so komm ich wieder hin,
Wo ich von Ewigkeit vor mir gewesen bin. (V.332)


57. Du sprichst, du wirst noch wohl Gott sehen und sein Licht;
O Narr, du siehst ihn nie, siehst du ihn heute nicht. (VI.115)


58. Das Tröpflein wird das Meer, wenn es ins Meer gekommen;
Die Seele Gott, wenn sie in Gott ist aufgenommen. (VI.171)


59. Du reisest vielerlei zu sehn und auszuspähn;
Hast du nicht Gott erblickt, so hast du nichts gesehn. (VI.248)


 

Auszüge aus: ANGELUS SILESIUS: Cherubinischer Wandersmann.

Verweisangaben beziehen sich auf das Buch: Sämtliche poetischen Werke, 3. Band
Hrsg. H.L.Held, Fourierverlag, Wiesbaden 2002, Bearbeitung: B. Alzinger, Via Integralis 7/06

   
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